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mehrklang magazin #2 erschienen
Die zweite Ausgabe des mehrklang magazin ist druckfrisch erschienen. Hierin präsentieren wir ideenreiche Vermittlungsprojekte, spannende Konzerte und außergewöhnliche Aktionen. Es gibt viel zu entdecken.
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Großer Bahnhof für die Neue Musik
sounding D im Südkurier
Der Klangzug "soundingD" rollt auf einer großen Werbetour für zeitgenössische Klänge durch die Republik und hat auch in Freiburg Station gemacht.
Dieser Zug ist pünktlich. Genau um 11 Uhr rollt er auf Gleis 8 in Freiburg ein. Drei grellweiß angemalte Waggons mit dem Schriftzug "Sounding D" und einer merkwürdigen Lautschrift verschiedener Städtenamen. Der Zug fällt auf. Oben auf der Strassenbahnbrücke stehen die Leute und fragen, was da vor sich geht an Gleis 8. Eine Blaskapelle sammelt sich und wartet auf ihren Einsatz. Geschäftiges Treiben auch vor dem Zug, wo Hörstationen mit Klängen aus den 15 beteiligten Städten aufgebaut werden. Das Zugpersonal beantwortet die ersten Fragen der Passanten.
Gut zwei Wochen lang ist der SoundingD-Zug unterwegs in Deutschland und macht in 15 Städten für je einen Tag halt. Im Zug gibt es Klanginstallationen von Robin Minard, rund um den Zug verschiedene Aktionen. "Neue Musik in Deutschland erfahren", steht auf der Lok. Darum geht es: Sounding D ist, wenn man so will, eine riesige Werbetour für zeitgenössische Musik. Hinter der Aktion steht das Netzwerk Neue Musik, ein mit Bundesmitteln finanziertes Vermittlungsprojekt. Neue Musik soll heraus aus ihrer Nische und einem breiteren Publikum schmackhaft gemacht werden. Vermittlung ist ja eines der großen Zauberworte in der derzeitigen Kulturarbeit. Das macht auch vor der Neuen Musik nicht halt. Berührungsängste sollen abgebaut, der Nachwuchs spielerisch an experimentelle Klänge herangeführt werden. Das Netzwerk Neue Musik ist das bislang größte städte- und länderübergreifende Projekt für zeitgenössische Musik in Deutschland. Beteiligt sind insgesamt 15 Städte, die so genannten Netzwerkpartner, die jeweils vor Ort mit eigenen Vermittlungsprojekten, Konzerten und Festivals zwischen 2008 und 2011 aktiv waren und sind. In Freiburg hat sich dafür der MehrKlang-Verein gebildet, in Stuttgart das Netzwerk Süd. Doch während die einzelnen Netzwerkpartner lokal aktiv sind, verbindet der SoundingD-Zug, der zur Zeit durch die Republik rollt, die Projektorte zu einer Art bundesweitem Festival. Großer Bahnhof für die Neue Musik. Überall, wo der Klangzug Station macht, haben die Netzwerkpartner Aktionen vorbereitet. Die Stadt wird zur Bühne.
In Freiburg machte der Musikverein Bahlingen den Anfang und begrüsste den Klangzug mit zwei aus Mauricio Kagels "Märschen, um den Sieg zu verfehlen". Vielleicht den Sieg, die Wirkung verfehlte das nicht. In Freiburg hat man bereits gute Erfahrungen damit gemacht, auch Laienensembles in die Vermittlungsprojekte einzubeziehen. Neue Musik als Expertenkunst - auch dieses Vorurteil soll revidiert werden. Es folgte eine Performance vor dem Konzerthaus auf einem riesigen, pyramidenförmigen Xylophon und mit Wasserflöten, die einen Höllenlärm verursachten und an denen vor allem die Kinder ihren Spaß hatten.
Eine Gruppe Harley-Fahrer wurde engagiert, um das Nonett für Harleys und Posaune aufzuführen das Dieter Schnebel komponiert hat. Ja, auch Neue-Musik-Komponisten zeigen sich bisweilen fasziniert vom sonoren Klang einer Harley. Und nach dem Konzert legte der Harley-Korso noch eine Klangspur durch die Freiburger Innenstadt. Da behaupte noch einer, Neue Musik bewege sich in einer spaßfreien Zone.
Sicherlich, manch einem ist das zu viel Event und zu wenig Inhalt. Das soundingD-Projekt ist von den einzelnen Netzwerkpartnern nicht ohne Kritik begleitet worden. Doch betrachtet man den Klangzug vor allem als Werbemittel für Neue Musik, deren Zweck darin liegt, Aufmerksamkeit zu erregen, so kann man damit gut leben. Auch in Freiburg, wo die Neue-Musik-Szene jedem Anflug von Event mit Skepsis begegnet. Und tatsächlich lohnt ein Besuch des Klangzugs auch aus ästhetischen Gründen. Für Robin Minards Klanginstallation "Outside In (Blue)" wurde ein Waggon entkernt und in Klang und blaues Licht getaucht. Das Klangmaterial enthält einerseits verfremdete Ausschnitte aus Schlüsselwerken der Neuen Musik, als auch Klänge aus den 15 Netzwerk-Städten - Wasser- und Autorauschen, Glocken, Vogelgezwitscher und anderes werden hörspielartig in eine abstrakte, aber reizvolle Klanglandschaft eingefügt. Viele Besucher ließen sich hier nieder wie in einer Oase der Ruhe. Der Hit aber waren die Hörabteile im benachbarten Waggon. Dort waren Armlehnen mit speziellen Lautsprechern präpariert. Den Klang nimmt man erst wahr, wenn man die Ellbogen auf die Armlehnen stützt und die Hände über die Ohren legt, die so zu Kopfhörern werden. Der Schall überträgt sich allein über die Knochen aufs eigene Ohr, bleibt aber für alle anderen unhörbar. Neue Musik kann einen auch zum Staunen bringen.
Sounding D-Zug inspiriert Neue Musik

Blaskapelle begrüsst High-Tech-Zug: Mit knackigem Blech intoniert der Musikverein Bahlingen (Leitung: Katrin Osner) auf dem letzten Gleis des Hauptbahnhofs Mauricio Kagels "10 Märsche, um den Sieg zu verfehlen": Der erste schleppt sich dahin, der vierte ist harlekinesk überzeichnet. Den zweiten und dritten Marsch wird später, auf dem Vorplatz des Wiehre-Bahnhofs, der Musikverein Freiburg-Kappel unter der Leitung von Manfred Preiß darbieten. Herrlich schräg sind auch diese beiden kurzen Stücke, so schräg, dass man nicht recht weiß, welche Verspieler vom Komponisten vorgeschrieben sind und welche nicht...
Doch der Reihe nach: "sounding D" (klingendes Deutschland) heißt der Zug, der bundesweit in mehreren Städten Halt macht und die unterschiedlichsten Konzepte zum Thema Neue Musik inspiriert. In Freiburg ist es die musikalische Auseinandersetzung mit Metall, charakteristisch für Zug, Gleis und Bahnhof: Kesseldruck und Bronze lautet der Titel des abwechslungsreichen Beitrags, den Schlagzeugprofessor Bernhard Wulff konzipierthat. Den "sounding D"-Zug kann man begehen. Die Fensterscheiben sind blau abgedunkelt, Boden und Wände weiß. Eine klangliche Raumfahrt, an der auch viele Kinder teilnehmen, staunend, aufgeregt flüsternd. Draußen nimmt man, sensibilisiert von der Klangcollage, die Geräusche nun anders wahr. Die Frage drängt sich auf: Ist das noch real oder schon Teil einer Klanginstallation?
Nach der Begrüssung des Zuges folgt die Menge einem Trommler über die Bahnhofsbrücke zum Konzerthaus. Der Klang bricht sich, in diesem engen Raum aus Beton und Stein, auf ebenso faszinierende Weise wie im Anschluss bei Roy Groenevelds Spiel auf der Kelchtrommel. Er geht hinüber zu seinem Vater Martien, der mit zwei Vorschlaghammern auf die unterschiedlich langen Holzbretter seines Riesen-Xylophons eindrischt. Der Niederländer hüpft herum, klettert an dem klingenden Gerüst hoch - ohne den Rhythmus zu verlieren oder gar zu pausieren -, springt herunter, und noch im Liegen kann er das Klöppeln nicht lassen.
Ebenso eigenwillig, wenn auch weniger outriert, ist die Performance "Kokon", die das Freiburger Schlagzeugensemble am Nachmittag in der Wiehre gemeinsam mit der koreanischen Künstlerin Young-Ba Bang-Cho aufführt. Sie hat sich die Zunge gefärbt und leckt nun eine sich stetig ausrollende Papierrolle ab, reagierend auf das agile, kompakte Spiel der Schlagzeug-Studenten. Hier ein Ausschlag nach rechts, dort ein Innehalten. Das Ergebnis: eine asiatisch anmutende Geheimschrift auf einem meterlangen Band. Publikum und Passanten staunen auch über Domenico Melchiorres Darbietung am Klangbaum, der behängt ist mit allem, was die Werkstatt hergibt: Zangen, Scheiben, Metallspiralen, Rohre. Der Spannungsaufbau überzeugt, vor allem aber ist es erstaunlich, welch filigrane Klänge Melchiorre seinem so klobig wirkenden Instrumentarium zu entlocken vermag. Selten hat Schwermetall so leicht geklungen.
Was folgt, ist wahrlich abgefahren: Bei Dieter Schnebels Komposition "Harley-Davidson" für neun Motorräder und Posaune stehen die Motorradfahrer der Harleyfreunde Freiburg und Saarbrücken (wo der Zug zuvor gehalten hatte) in Lederjacke und mit Sonnenbrille zunächst noch neben ihren in der Sonne glitzernden Maschinen. Als Dirigent Max Riefer, der an der Programmgestaltung beteiligt ist, das Zeichen gibt, sitzen sie auf und lassen die Motoren röhren, im Leerlauf freilich und wirkungsvoll aufeinander abgestimmt. Infernalisch das Anschwellen der Motoren zum souveränen Spiel des Posaunisten Urban Turjak, Abgase in der Luft, "Zugabe"-Rufe. Dann fahren die Biker im Korso hinein in die Stadt. Eines Tages werde es die Harleys nicht nur im Motorradhandel zu kaufen geben, sondern auch im Musikgeschäft, merkt Bernhard Wulff am Abend bei seinen einleitenden Worten zum Abschlusskonzert an. Im gut besuchten Haslacher Melanchthon-Saal nun kein "Kesseldruck" mehr, sondern "Bronze", was bedeutet: Das Schlagzeugensemble bespielt vor allem Schlagwerk aus Metall. Da darf das Vibraphon nicht fehlen. Johannes Fischer und Domenico Melchiorre vom Duo Eardrum stehen sich spiegelsymmetrisch gegenüber, ungemein subtil ist ihr Spiel. Schwebeklänge, Schwellklänge - und immer wieder dieses durchdringende Forte.
Gesteigert wird das noch in Iannis Xenakis’ Persephassa" für sechs Schlagzeuggruppen, die das im Kreis sitzende Publikum geradezu umzingeln. Mit hin- und herwogenden Klangmassen, dumpf versickernden Tönen, vor allem aber archaisch anmutendem, gleichwohl komplex verschachteltem Lärm. Eine Tour de force für Spieler wie auch für die Zuhörer. Wie angenehm reduziert hatte da zu Beginn James Teneys "Koan" geklungen: Ein einziger Ton, der von drei Seiten kam. Aufbrandende Obertonschichtungen.
Noch atmosphärischer geriet die Uraufführung von Wulffs "Atacama - le sacre d’hiver". Klänge, die Klapperschlangen, Donnergrollen und Regentropfen evozieren. Von "Kesseldruck" keine Spur. Gestern fuhr der Zug weiter nach Stuttgart.






